RBB 1.11.2008 Beginenhof Berlin

Rundfunk Berlin Brandenburg

Himmel und Erde

Beitrag Himmel und Erde vom 01.11.2008

Alte Lebensform neu entdeckt: Die Beginen

Berlin-Kreuzberg, Nähe Landwehrkanal. Der erste Berliner Beginenhof. Hinter der farbigen Fassade leben seit gut einem Jahr 53 Frauen.
Angeregt wurde die Initiatorin durch den Besuch in einem mittelalterlichen Beginenhof in Holland, dem Ursprungsland der Bewegung.

Jutta Kämper, Initiatorin
Die Beginen waren eine Frauenbewegung, die über 700 Jahre bestanden hat, also sehr imponierend für uns. Und da haben wir gesagt: Kein Mensch weiß davon. Es geht so verloren in der Geschichte. Wenn wir uns auch so nennen bleibt dieser Name.

Jede Frau hat sich eine der Wohnungen gekauft. Heute ist zwar die Religion nicht mehr wichtig. Trotzdem gibt es Anknüpfungspunkte an die historischen Vorbilder.

Jutta Kämper, Initiatorin
Der Ausgangspunkt für uns war ja die Gemeinschaft, dass wir Gemeinschaft wohnen wollten. Und das haben wir natürlich mit den Beginen auch gemeinsam, dass wir uns hier selbst organisieren und dass wir eine Gemeinschaft bilden wollen. Jede Frau, die hier ist, ist wegen der Gemeinschaft eingezogen.

Zum täglichen Leben trägt jede Frau ihren Teil bei – entsprechend ihren Interessen und Fähigkeiten. Heizkostenabrechnung, Gartenarbeit, Vorbereitungen für Feste und Versammlungen, Kontakte zu den Nachbarn oder zur nahegelegenen Schule, in der einige Damen regelmäßig zum Vorlesen erscheinen.

Bettina Kraft ist mit 31 Jahren die Jüngste im Haus. Auch sie wollte nicht alleine in einem anonymen Wohnblock leben. Die Lehrerin zog in ein kleines Appartement im dritten Stock – ohne ihren Freund.

Bettina Kraft, Bewohnerin
Meinem Freund war wichtig, dass er hier nicht komisch angeguckt wird. Klar, das sind Vorurteile, die die Leute haben, wie „was ist denn das genau?“ Aber der hat halt auch ganz schnell gemerkt, dass das ein nettes Miteinader ist.

Soziologinnen, Ärztinnen, Theaterwissenschaftlerinnen… Die Mischung aus vielen unterschiedlichen Biografien und Charakteren macht’s:

Bettina Kraft, Bewohnerin
Ich glaube, hier ist eine unheimlich große Energie in diesem Haus. Weil – das sind individuelle, starke Frauen, die alle eine Geschichte haben und schon ganz viel gemacht haben und Ideen haben. Und Power und Energie für irgendwelche Dinge.

Die junge Berlinerin wohnt hier zur Miete. Denn die Frau, der diese Wohnung gehört, möchte erst in fünf Jahren einziehen.
Bettina Kraft unterrichtet tagsüber und hat nicht viel Zeit für Arbeitsgruppen. Das Zusammenleben empfindet sie trotzdem als intensiv und angenehm.

Bettina Kraft, Bewohnerin
Für mich ist wichtig, die Frauen in meinem Flur mag ich halt. Das ist Kontakt und da hab‘ ich das Gefühl, das ist ein Ersatz für Vieles. Meine Eltern sind nicht mehr in Berlin und da ist ein totales Interesse von beiden Seiten da. Wenn es einem nicht so gut geht, dann steht vor der Tür ein Saft mit einem Gruß dran oder man fragt, ob man was mitbringen kann. Man ist füreinander da und sieht sich.

Marliese Obsommer, Bewohnerin
Ich glaube, Frauen verstehen einander besser. Man muss sich nicht so sehr auf irgendetwas einstellen, was unbekannt ist. Wenn ich eine Frau erlebe irgendwo, dann hab‘ ich sofort einen Konnex, einen Draht. Bei Männern ist das viel oberflächlicher.

Marliese Obsommer kümmert sich mit ihrer Nachbarin regelmäßig um den Hauskater. Die 67-Jährige ist extra von Frankfurt nach Berlin gezogen, um hier zu wohnen. Das Beginen-Leben ist für die Alleinstehende eine Alternative zum Altenheim.

Marliese Obsommer, Bewohnerin
Natürlich, das ist unzweifelhaft. Das ist eine viel bessere Art, alt zu werden und zu sterben. Aber da ist natürlich das Problem des Pflegefalls.
Da wissen wir auch noch nicht, wie wir damit umgehen. Wir haben keine Erfahrung. Wir müssen die Erfahrung erst sammeln und wir müssen uns auch die Wege erst suchen, wie wir das am besten für uns verwirklichen können, dass Frauen nicht vorzeitig aus dieser Gemeinschaft raus müssen, weil sie zum Pflegefall werden.

Im großen Gemeinschaftsraum ist immer was los. Ausstellungen und Konzerte, Geburtstagsfeiern, Lesungen, Versammlungen. Und weil die vorwitzigen, freien, verwegenen, neugierigen und fidelen Frauen, die hier leben, auch so vorbildlich sind, ist schon ein zweiter Berliner Beginenhof in Planung. Im Jahr 2010 soll er im Bezirk Friedrichshain entstehen.

Beitrag von Lydia Leipert

Serviceinformationen

Dachverband der Beginen e.V.
Greifswalder Str. 4
10405 Berlin

[www.dachverband]

Beginenwerk e.V.
Reuterplatz 4
12047 Berlin
Tel./Fax: 030 / 61 591 77
Ansprechpartnerin:
Jutta Kämper
Tel.: 030-691 70 64
E-mail: info@beginenwerk.de

[www.beginenwerk.de]

BEGiNE – Treffpunkt und Kultur für Frauen e.V.

[www.begine.de]

Beginen-Netzwerk / Beginenhöfe

[www.beginenhof.de]

Mehr über die Beginen

[de.wikipedia.org]

Literatur zum Thema

Helga Unger: Die Beginen. Eine Geschichte von Aufbruch und Unterdrückung der Frauen, Herder Verlag: Freiburg im Breisgau / Basel /Wien 2005, ISBN 3-451-05643-7

Gertrud Hofmann / Werner Krebber: Die Beginen. Geschichte und Gegenwart, Topos plus Mainz / Kevelaer 2008,
ISBN 978-3-8367-0530-1

Frank-Michael Reichstein: Das Beginenwesen in Deutschland. Studien und Katalog
Verlag Dr. Köster: Berlin 2001, ISBN 3-89574-427-1

Walter Simons: Cities of Ladies. Beguine Communities in the Medieval Low Countries, 1200-1565,
Philadelphia 2001

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2 Antworten to “RBB 1.11.2008 Beginenhof Berlin”

  1. Wolfgang Happich Says:

    Gefällt mir von Anfang an, aber wo ist Esther ?

  2. Bärbel Says:

    Wenn sie im Haus ist, dann im fünften Stock rechts.
    Und wo ist Wolfgang? Und wie hat Wolfgang den Blog gefunden?
    Toll, dass er den Blog nicht nur gefunden hat, sondern auch was schreibt!!

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